Website barrierefrei testen: 4 Selbsttests, die du in 5 Minuten machen kannst

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Stell dir mal folgende Situation vor: Deine Mutter möchte online einen Arzttermin buchen. Sie tippt sich mühsam mit zwei Fingern auf Ihrem zu kleinem Smartphone-Display durch eine Website, die Schrift ist ihr viel zu klein, und als sie anschließend auf dem Desktop versucht, mit der Tab-Taste weiterzuklicken, springt der Fokus irgendwohin, wo sie nicht hinwollte, weil ein Werbebanner plötzlich die Sicht versperrt. Am Ende gibt sie auf, ruft nun doch in der Praxis an, frustriert und mit dem Gefühl, „das halt einfach nicht zu können“.

Genau solche hinterlistigen Barrieren erlebe ich immer wieder, wenn ich Websites auf Barrierefreiheit prüfe. Und ehrlich gesagt: Es sind selten böswillige Entscheidungen der Website-Ersteller, die Menschen damit aussperren. Es ist meistens einfach niemandem aufgefallen.

Die gute Nachricht: Du musst vorerst kein Tool installieren und keine Checkliste mit 50 WCAG-Kriterien durcharbeiten, um eine erste Einschätzung zu bekommen, ob deine Website barrierefrei ist. Mit den folgenden vier einfachen Selbsttests merkst du in fünf Minuten, ob deine Website barrierefrei ist und wo es noch Probleme gebn könnte. Wenn du danach tiefer einsteigen willst, findest du am Ende Links zu Tools, die dir bei einer genauen Prüfung helfen.

Warum das überhaupt wichtig ist

Barrierefreiheit klingt für viele erstmal nach einem Nischenthema, etwas für „die anderen“. Aber schau mal genauer hin, wer eigentlich betroffen ist:

  • Insbesondere Ältere Menschen, die zunehmend online unterwegs sind, aber oft schlechter sehen, weniger feinmotorisch geschickt sind oder sich mit Technik generell unsicherer fühlen.
  • Menschen mit Seheinschränkungen, die auf Screenreader oder große Schrift angewiesen sind.
  • Angehörige unter Stress: zum Beispiel jemand, der spätabends verzweifelt versucht, einen Pflegeplatz oder eine Beratungsstelle zu finden. Diese Menschen haben schlicht keine Geduld für eine Website voller Hindernisse, die nicht mitspielt.

Das ist nicht mehr nur eine kleine Randgruppe, sondern Menschen, die genau in dem Moment auf deine Website angewiesen sind, in dem deine Onlineauftritt versagt. Und seit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (Juni 2025) ist digitale Barrierefreiheit für viele Unternehmen ohnehin keine Kür mehr, sondern Pflicht.

Die vier Selbsttests für digitale Barrierefreiheit

1. Leg die Maus mal weg

Ja, du hast richtig gelesen, schieb deine Maus zur Seite. Und jetzt versuch, dich nur mit der Tab-Taste durch deine Website zu bewegen.

Kommst du überall hin, wo du hinmusst? Zum Menü, zu den Buttons, zum Kontaktformular? Und ganz wichtig: siehst du jederzeit, wo du gerade bist? Viele Websites verlieren ihr Nutzer genau hier: Der Fokus ist unsichtbar, man tippt Tab und weiß nicht, wo man gelandet ist.

Für Menschen, die aus motorischen Gründen keine Maus nutzen können, ist das kein nettes Features sondern meist der einzige Weg, deine Website überhaupt zu bedienen.

2. Schau genau hin: Farbkontraste

Gibt es Stellen mit heller Schrift auf hellem Hintergrund oder auf Bildern? Ein zartes Grau auf Weiß, das im Design-Meeting elegant wirkte?

Das ist ein klares Warnsignal. Was am Bildschirm im abgedunkelten Büro noch lesbar wirkt, ist draußen in der Sonne oder bei schwächeren Augen einfach nicht mehr zu entziffern. Texte und Buttons sollten auch bei schlechtem Licht und für Augen, die nicht mehr ganz mitmachen, klar erkennbar sein. Wie du barrierefreie Farben für deine Website auswählst, zeige ich dir in einem eigenen Artikel.

Barrierefreie Farben: Do's and Dont's bei der Verwendung

3. Mach die Augen zu – und lass vorlesen

Aktiviere die Vorlesefunktion deines Geräts (auf dem Handy geht das erstaunlich einfach) wie z.B. VoiceOver Utilities und navigiere einmal mit geschlossenen Augen über deine Website.

Werden Bilder sinnvoll beschrieben oder hörst du nur „Bild, Bild, Bild“? Ergeben die Überschriften eine Struktur, der man folgen kann? Dieser Test fühlt sich anfangs komisch an, aber er zeigt dir in Minuten, wie sich deine Seite für jemanden anfühlt, der sie nie sehen wird. Ein großer Hebel dafür sind übrigens ARIA-Labels, die Screenreadern zusätzliche Informationen für bestimmte Elemente auf deiner Website liefern.

Aria-Labels nutzen Checkliste für Do's und Dont's

4. Zoom auf 200 % – und dann?

Zieh den Browser-Zoom auf 200 Prozent. Jetzt wird’s spannend: Bleibt alles benutzbar? Bricht der Text sauber um, oder überlappen sich plötzlich Buttons und Texte, sodass nichts mehr klickbar ist?

Für viele Menschen mit Seheinschränkungen ist eine starke Vergrößerung der einzige Weg, überhaupt etwas zu lesen. Wenn deine Website dabei zerbricht, verlierst du genau diese Nutzende.

Und jetzt?

Vielleicht hast du gerade bei einem oder mehreren Tests gemerkt: „Oh. Das läuft nicht so, wie ich dachte.“ Das ist völlig normal und auch keine Katastrophe. Die meisten dieser Probleme lassen sich beheben, sobald man weiß, wo sie liegen.

Wenn du tiefer einsteigen möchtest, findest du in meinem Artikel zu Tools für digitale Barrierefreiheit eine Übersicht kostenloser Programme, mit denen du deine Website noch gründlicher prüfen kannst. Und falls du sehen willst, wie barrierefreies Webdesign in der Praxis aussieht, schau gern bei meinen Beispielen für gelungene Barrierefreiheit vorbei.

Wenn du wissen möchtest, was diese Tests konkret für deine Website bedeuten: Schreib mir kurz. Ich schaue sie mir an und gebe dir ein erstes, ehrliches Feedback unverbindlich und ohne Fachchinesisch.

Denn letztendlich geht es bei der digitalen Barrierefreiheit nicht vorrangig um Checklisten oder Paragrafen, sondern, dass jemand wie deine Großmutter ihren Arzttermin auch online buchen kann ohne frustriert aufzugeben.

Deinen Senf dazugeben? Nur zu.